Zeitenwechsel


Heute Abend ein langes Telefongespräch mit einer alten Freundin, die ich seit vielen Jahren  nicht mehr gesehen habe.

Wir haben das Berlin der 80er Jahre zusammen erlebt und uns zeitweise eine Wohnung in Neukölln geteilt.

Die Cafés Winterfeldt und Araquin, beide in besetzten Häusern, ausgebaut zu Salons, und zum Kaffeetrinken, für Feste, Lesungen, Ausstellungen. Zu einer rauschenden Ballnacht im Winter brachte jede Eingeladene ein Brikett mit, um den alten Kachelofen heizen zu können. Ein bodenlanges, schulterfreies lachsrosa Seidenkleid trug ich damals. Das Becks Bier gab es aus Flaschen, wie in vielen solcher Bars damals. Milchkaffee aus weißen Pressglasschalen.

Die “Pelze MultiMedia” in der Potsdamer Str. Ich erinnere mich an große ägyptische Schriftzeichen im Halbdunkel an den hohen Wänden. Aber es sah dort fast jeden Abend anders aus. Mahide war dort, schillernd, elegant und schön. Eine sehr präsente, charismatische und selbstbewusste Frau.

Irgendwie war anscheinend immer Nacht, wenn wir unterwegs waren, so erinnere ich diese Zeit. Tagsüber haben wir gejobbt oder studiert, abends gingen wir aus. Es war weniger ein “Ausgehen” im herkömmlichen Sinn als ein Unterwegssein im nächtlichen Berlin. So vieles war möglich, oder haben wir es “nur” möglich gemacht?

Ein kleiner Kosmos im Kiez um den Kleistpark und die Potsdamer Straße. Im Winter im Schneegestöber noch zur letzten U- oder S-Bahn rennen, oder eben im 19er Nachtbus zum Hermannplatz fahren.

Der Markt am Maybachufer war der Ort, wo wir im November 1983 von einem Tapeziertisch aus Trillerpfeifen und Flugblätter verteilten. Damals waren gehäuft Überfälle und auch Morde an Frauen in Neukölln geschehen, so dass wir versuchten, die Öffentlichkeit zu mobilisieren und etwas zu tun, um uns von unserer wachsenden Angst nicht lähmen zu lassen. Wir hatten binnen kürzester Zeit ein erstaunlich gut funktionierendes und vielseitiges Netzwerk in verschiedenen Stadtteilen etabliert – und das in den Zeiten ohne Internet und Iphone! Aus diesen Aktivitäten entstanden in Berlin anschließend die ersten Initiativen für Frauentaxis (für die nächtliche Benutzung von Taxen für Frauen zum BVG-Tarif) und noch später die erstmalige Einführung von Frauenparkplätzen. Die Thematisierung von Gewalt gegen Frauen führte über verschiedene Gruppen, Demonstrationen und Veranstaltungen schließlich bis hin zur “Emma”-Initiative gegen Pornografie.

Berlin war damals nicht sehr freundlich, sondern eher grau, ranzig und kalt, und mit einer Härte, die in den 80er Jahren noch weiter kultiviert wurde. Damals wollten wir ein dementsprechend “cooles” Image haben und möglichst abweisend, gleichzeitig aber auch gelangweilt gucken. Die Frisuren waren eckig, manchmal mit farbigen Strähnen, und bevorzugt asymmetrisch geschnitten, so wie auch die zahlreichen Ohrringe gerne einseitig getragen wurden. Die Positionen waren es ja auch. Leggins mit Leopardendruck, pinkfarbene T-Shirts dazu, und selbstverständlich Lederjacken, je ranziger, desto besser. Punk was not dead yet.

30 Jahre sind seitdem vergangen.

Haben sich inzwischen nur die Zeiten verändert oder auch wir, mit unserem Denken und Handeln? Was machen wir davon möglich, was uns heute oft unmöglich erscheint?

Ist es naiv, heute mit über 50 Jahren wieder einmal zu sagen: “vielleicht mache ich ja nochmal was ganz anderes?” Ist das lächerlich, oder einfach nur absurd, weil an den Realitäten des Lebens vorbei?

Mutig oder tollkühn, was ist es?

Braucht es einen Namen?

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Über grenzgebiete

Ich bin vor Anfang 2011 von Berlin nach Bayern gezogen und noch nicht sicher, ob das eine gute Idee war. Update: so allmählich ruckelt es sich hier ein ...... und gefällt mir immer besser! Gelegentliches Heimweh nach Berlin inclusive. Update II: seit Dezember 2015 lebe ich wieder in Berlin......das Heimweh war stärker.....
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