Traditionen


Bemerkt man es immer so  spät, wenn man sie offensichtlich pflegt? Seit ich denken kann, backe ich vor Weihnachten Plätzchen. Als kleines Mädchen mit meiner Mutter und der Nachbarsfamilie, die zu meinem großen Entzücken sogar einen Fleischwolf besaß, mit dem man wunderbares Spritzgebäck produzieren konnte, wenn man kräftig kurbelte. Ich erinnere mich an Plätzchen, die “Spitzbuben” hießen, mit 3 kleinen Löchern auf dem oberen Taler, durch die rote Marmelade zu sehen war, die vorher auf den darunter liegenden Taler gestrichen wurde. Oder an “Engelsaugen”, die ich immer ziemlich gruselig fand, weil sie rote Marmelade als Pupille hatten. Bestreut wurde das Ganze mit Puderzucker.

Aus dem Restteig, aus dem sich nichts mehr ausstechen ließ, formten wir winzige Brezeln für unsere Puppenstuben, daran kann ich mich gut erinnern. Meistens schafften es diese Brezeln aber nicht bis dahin, sondern landeten in unseren Mägen. Das Risiko, uns beim Teigschlecken womöglich Salmonellen einzufangen, war uns damals glaube ich nicht bewusst: wir haben jedenfalls fleißig alles roh gekostet und hatten davon abends regelmäßig Bauchschmerzen.

Wir haben bei diesen Backorgien an allen 4 Adventswochenenden tatsächlich kiloweise Weihnachtsplätzchen produziert, mit sämtlichen 6 Kindern und den dazugehörigen Müttern der 3 befreundeten Familien im Haus. Alles wurde dann vor Weihnachten gerecht aufgeteilt und an die beteiligten Familien und die übrigen Nachbarn verteilt.

Da meine Mutter aus dem Rheinland stammte, backte sie jedes Jahr Mutzenmandeln, eine in Butterschmalz gebackene und anschließend in Puderzucker gewälzte Köstlichkeit, die wir zu Silvester aßen, wenn ich es richtig erinnere. Printen wurden uns jedes Jahr von der rheinischen Verwandtschaft geschickt. Ich mag sie bis heute nicht, etwas zäh und mit diesen harten Zuckerstücken drin, womöglich auch noch mit Bitterschokolade überzogen, sind sie einfach nicht nach meinem Geschmack.

Jahre später, als ich dann selbst Mutter war, entstanden die unten schnöde als “Dauerbrenner” bezeichneten Butterplätzchen, die mein Sohn jedes Jahr hingebungsvoll mit weißem oder eingefärbtem Puderzucker-Zitronenguss, oder Mandelhälften und bunten Streuseln etc. verzierte. Als er vor zwei Jahren über Weihnachten bei mir war, wollte er diese Plätzchen unbedingt noch am Weihnachtsabend backen,  “weil das einfach zu Weihnachten gehört”, wie er sagte, was mich sehr rührte und uns beiden riesigen Spaß gemacht hat.

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Diese Plätzchen fallen inzwischen schlichter aus, sind nur mit Eigelb bestrichen und manchmal auch noch mit Mandeln verziert – es sind trotzdem immer noch meine Lieblingsplätzchen.

Dann gab eine kurze Phase, in der ich zu Weihnachten auch Stollen und viele verschiedene Sorten Plätzchen backte, aber das war mir dann doch zu aufwändig, wenn die Vielfalt auch sehr, sehr lecker schmeckte. 

Über diese Backtraditionen habe ich heute nachgedacht, während ich die alljährlichen Plätzchen backte.

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Das Backen ist sicherlich eine Tradition , die ich sehr mag und die für mich zu Weihnachten gehört, siehe hier.

Ein Weihnachtsbaum muss nicht sein, auch wenn ich ihn gerne schmücke, den Kirchgang kann ich mir sparen, und eine gebratene Gans brauche ich auch nicht unbedingt, aber Plätzchen backen gehört dazu.

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Genauso traditionell ist es, dass sie nie bis  Weihnachten reichen, so dass ich nachbacken muss. Makes half the fun.

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Inzwischen ohne Kind, das beim Backen hilft, verschicke ich Teile der Ausbeute nach Berlin und verteile sie ansonsten großzügig in meiner neuen Heimat an Freunde und Kollegen. Das ist auch besser für die Figur, anstatt sie alle selber zu futtern.

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Ich backe meistens nichts Spektakuläres, sondern nur die Dauerbrenner: Butterplätzchen. Mal mit gemahlenen Haselnüssen, mal mit Mandeln, mal mit Marzipan im Teig. Je nachdem, was ich grade da habe . Diesmal allerdings noch sehr bereichert durch die Zugabe von einigen feinen Raspeln der fantastischen Tonkabohne, ein genialer Tip von Ilse.

Springt mich irgendwo ein Rezept an, probiere ich es aus. Wie diese Orangen–Walnuss-Stangerl aus Österreich von herzekleid:

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Ich habe sie mit zusätzlichem kleingehacktem Orangeat abgewandelt und anstatt des Dinkelmehls (mangels Vorhandenseins) einfach doppelgriffiges Mehl ( auch bekannt als Wiener Griessler)  genommen, das ich sowieso am liebsten zum Backen nehme. Mit Dinkelmehl stelle ich sie mir aber auch sehr lecker vor. Ich habe sie nur an einer Seite eingetunkt , weil die Kuvertüre sonst nicht gereicht hätte – und so bleiben die Finger beim Essen auch schokoladenfrei.

Morgen gehe ich noch einen Tag arbeiten, und dann erwarten mich himmlische zwei Wochen Urlaub! An Silvester kommt mich eine Freundin aus Berlin besuchen, die ich viele Jahre nicht gesehen habe. So geht das Jahr genauso spannend zu Ende wie das neue Jahr beginnt!

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Über grenzgebiete

Ich bin vor Anfang 2011 von Berlin nach Bayern gezogen und noch nicht sicher, ob das eine gute Idee war. Update: so allmählich ruckelt es sich hier ein ...... und gefällt mir immer besser! Gelegentliches Heimweh nach Berlin inclusive. Update II: seit Dezember 2015 lebe ich wieder in Berlin......das Heimweh war stärker.....
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Eine Antwort zu Traditionen

  1. Ilse schreibt:

    Schöne Geschichte, da wird’s mir richtig weihnachtlich zu Mute! Hab schöne Feiertage mit viel Faulenzen und Plätzchen essen.

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