Mohamed


Gestern am späten Abend sah ich noch kurz die aktuellen Nachrichten und erfuhr zu meinem Entsetzen, dass der 4jährige Mohamed, der am 1. Oktober vom Gelände des Lageso in Berlin spurlos verschwand, von dem Mann der ihn von dort entführte, ermordet worden ist. Ich bin tief traurig und fassungslos. Ein 4jähriges Kind, so klein, so schutzbedürftig, und auch so vertrauensvoll, mit einem Fremden an dessen Hand das große unübersichtliche Gelände in der Moabiter Turmstraße zu verlassen. Unbemerkt von den vielen Menschen, die dort auch waren. Keiner hat es gesehen, niemand hat etwas beobachtet.

Ich denke an meinen eigenen Sohn im Alter von 4 Jahren, wie klein er da noch war, wie zart, ich denke an seine Entdeckerfreude und Neugier auf alles, an seine Unbefangenheit. Ich kann mir das Leid von Mohameds Eltern nicht vorstellen. Es muss entsetzlich für sie sein.

Schlimm finde ich es, Mohameds Namen in der Kombination mit “Flüchtlingskind” in der Presse zu lesen. Das unerkannte, unbemerkte Versinken in der Anonymität hat es seinem Mörder leicht gemacht, ihn am helllichten Tag zu entführen und dann zu ermorden. Die Bezeichnung “Flüchtlingskind” bietet sich mit seiner Unpersönlichkeit an, ihn erneut in einer anonymen Masse versinken zu lassen. Sie macht es leichter, sich zu distanzieren. Von seinem Verschwinden, seinem Sterben, von seiner ganzen Menschlichkeit.

Geflüchtete sind Menschen mit Namen, Familie, einer Geschichte, mit Wünschen, Sorgen, Hoffnungen. Sie sind Menschen wie wir und nicht seelenlose Teile einer unpersönlichen Masse. Mohamed Januzi, seine Geschwister und seine Eltern flohen aus Bosnien, um hier etwas Besseres zu finden: Zukunft, Sicherheit, eine Perspektive.

Mohamed war ein kleiner 4jähriger Mensch, der hoffentlich ein paar Spielsachen besaß, vielleicht auch ein Bilderbuch, und der ein paar große und kleine Wünsche hatte. Vielleicht sang und malte er gerne, mochte Tiere und träumte von einem eigenen Bett und einem besten Freund.

Ich hoffe, er hatte das alles in seinem kurzen Leben. Und dass ein paar seiner kleinen und großen Wünsche in Erfüllung gingen.

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Über grenzgebiete

Ich bin vor Anfang 2011 von Berlin nach Bayern gezogen und noch nicht sicher, ob das eine gute Idee war. Update: so allmählich ruckelt es sich hier ein ...... und gefällt mir immer besser! Gelegentliches Heimweh nach Berlin inclusive. Update II: seit Dezember 2015 lebe ich wieder in Berlin......das Heimweh war stärker.....
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Eine Antwort zu Mohamed

  1. Bloghaus schreibt:

    Es ist tief traurig, aber du hast Mohamed hier einen liebevollen, würdigen Nachruf geschrieben. Danke!

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